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Istres - Zu Gast bei Freunden |
Am 03.05.2006 machten sich 51 Schülerinnen und Schüler der 9. und 11. Klasse auf die lange, traditionelle Reise in den Süden, genauer gesagt nach Istres, zum Schüleraustausch. Der Busfahrer meinte zwar er würde uns nach Isny oder Istrien fahren, doch unsere Begleiter konnten ihn auf den rechten Weg bringen und mehr oder weniger schnell folgte er diesem. Die Begleiter, das waren Frau Widman, für die es ihre letzte Dienstreise vor der Pensionierung sein sollte und Herr Fischer, der sich während der Reise trotz Hexenschuss zu Beginn des Aufenthaltes dazu entschied noch ein weiteres Jahr als Lehrer tätig zu sein. 11 Stunden dauerte die von unzähligen Pinkelpausen unterbrochene Fahrt. Jedenfalls erreichten wir nach dieser Zeitspanne den „Großraum“ Istres. Eine weitere Stunde kreuzten wir mit Ziel aber ohne Plan durch die Innenstadt, der Busfahrer schien noch nicht genug zu haben. Vielleicht war aber auch einfach nur der Bildschirm des Navigationssystems zu klein, um von ihm erkannt zu werden. Wie auch immer, auf dem Parkplatz des Lycée Arthur Rimbaud angekommen trafen dann müde aber gespannte Deutsche auf vom Warten genervte und hungrige Franzosen weshalb sich der Trupp dann schnell auflöste. Nur wenige sahen dem Bus zu, wie er schwankend Richtung Hotel abbog. Die deutschen Gäste wurden auf insgesamt 4 Schulen verteilt, die Neuner auf die drei Collèges (Savary, Coutarel und Pasteur) und die Elfer durften sich die Bildung des Lycée angedeihen lassen.
Schnell stellten wir fest, dass für die folgenden 10 Tage ein mehr oder weniger umfangreiches Programm auf die Beine gestellt worden war.
Zu Beginn eine Stadtführung, bei der sich alle von der Sonne braten ließen und keiner so recht der wild gestikulierenden Führerin folgen wollte.
Der nächste Programmpunkt war die erste Ganztagesreise nach Saint Remy de Provence, wo wir auf den Spuren der Römer ein altes Mausoleum besichtigten, während der Busfahrer das von ihm umgefahrene Verkehrsschild wieder aufstellen musste. Wir, dass sind in diesem Fall 4 der 7 Elftklässler, die den 15-minütigen Fußmarsch bis zu diesem Geschichtsschatz auf sich nahmen. Den restlichen Reiseteilnehmern bot sich eine malerische, aber im Prinzip langweilige Altstadt und so ging es schnell weiter in die Festungsstadt Les Baux, die mit dem Namen Les Touristes besser betitelt wäre, schließlich reihte sich ein Souvenirladen an den nächsten und die schönen Gemäuer versteckten sich hinter Speisekarten und Shopauslagen. Schade. An zwei Dingen konnte der Massentourismus jedoch nichts ändern: erstens an der unglaublichen Aussicht auf die weiten Ebenen südlich und die Berge nordwestlich von Les Baux und zweitens an den geschichtlich fundierten, lebhaften Vorträge von Frau Widman, die uns wann immer wir wollten mit Rat und Erklärungen zur Seite stand und selbst in den langweiligsten Momenten eine spannende Geschichte auf Lager hatte. Hervorragend, genau wie ihre Kontrolle über die zuweilen doch sehr kindisch auftretenden, meist männlichen Riesenbabys aus der neunten Klasse. Gell Marius!? Ihre letzte Frankreichreise im Namen der Schule schien ihr sichtlich Spaß zu machen und von Alterungserscheinungen war keine Spur… wieso machen sie nicht weiter Frau Widman?
Nach der, auf Les Baux verbrachten Mittagszeit, fuhren wir bei gemütlichen 43°C im Bus weiter zu einer großen Mühle und danach zurück nach Istres, wo die Korrespondenten nach vollbrachter Schulzeit auf uns warteten.
Der zweite Ganztagesausflug führte uns über Arles nach Les Saintes Maries de la Mer, ein großartiger Tag in den moorigen Ebenen der Camargue. Arles zeigte sich von seiner besten Seite, unter tief blauem Himmel gab es erst das teilweise renovierte Kolosseum und danach die Reste des antiken Amphitheaters zu bestaunen. Auch hier war Frau Widman mit interessanten Erläuterungen zur Stelle und die meisten von uns wären sicherlich noch ein bisschen länger geblieben, hätte es nicht noch das Mittelmeer und die Camargue zu entdecken gegeben. Unzählige weiße Pferde säumten unseren Weg ans Meer und in les Saintes Maries de la Mer erwartete uns unter schönstem Sonnenschein ein ruhiges aber doch noch recht kaltes Mittelmeer. Davon unbeeindruckt zogen wir uns aus und legten uns an den Strand, suchten Muscheln und kühlten uns in den nassen Fluten, bis es Zeit zum Aufbrechen war. Denn um 16:30 mussten alle wieder an ihren Schulen sein, da die Franzosen nicht im Stande zu sein schienen ihre Austauschpartner zu späterer Stunde abzuholen.
Ein weiterer, großer Programmpunkt war der Bürgermeisterempfang, bei dem der Chor der Stadt versuchte deutsche Lieder zu singen, der Bürgermeister seinen Wahlkampf führte und Herr Fischer ihn, zur Freude alle anwesenden, als sexistisch bezeichnete. Alle lobten die gegenseitige Gastfreundschaft und die freundschaftliche Zusammenarbeit sowie die hervorragenden Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, Weihrauch auf’s eigene Haupt für den Wahlkampf. Außerdem hatte es ein paar Tage zuvor an gleicher Stelle eine der besten Partys, der wir bis zu diesem Zeitpunkt beiwohnen durften, gegeben. Es war so spannend, dass wir 11er unauffällig Timos Gothic - Austauschpartner folgten und von ihm auf einen Hügel inmitten der Stadt geführt wurden, von dem aus wir den Sonnenuntergang über der Stadt verfolgen konnten – wahrscheinlich der schönste Moment des gesamten Austausches, unvergesslich und wunderschön. Mit Einbruch der Nacht begaben wir uns dann zurück auf die leere Tanzfläche und gingen schließlich gemütlich durch die laue Nachtluft zurück nach Hause.
Als letzten Programmpunkt hatten wir den Besuch einer Seifenfabrik eingeplant, der, weil er einfach zu langweilig gewesen wäre, durch einem wesentlich spannenderen Ausflug nach Salon de Provence ersetzt wurde. Es lockte ein letztes Mal eine malerische provenzalische Stadt mit ihren Cafés und Shops und es bot sich die letzte Gelegenheit um Postkarten, Souvenirs und Geschenke für zu Hause zu besorgen. Unser werter Busfahrer glänzte an diesem Tag nicht nur durch für ihn normale Navigationsfehler, sondern erfreute auch noch alle Reisenden dadurch, dass er wegen dem starken „Schwanken“ des Busses bei der Ausfahrt aus dem Hofe des Hotels die hintere Türe des Busses ramponierte. Diese quittierte daraufhin bis zum Ende der Reise ihren Dienst und wies durch ohrenbetäubendes Piepsen darauf hin, dass sie nicht mehr richtig schloss. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an den Herrn Aushilfsbusfahrer, für den auf der Heimfahrt aus unerklärlichen Gründen auch noch Geld gesammelt wurde. Aber weg von den Reisen und dem Busfahrer, hin zum realen Leben in Istres. Fast alle Schülerinnen und Schüler waren mit ihren Gastfamilien zufrieden und überlebten die 10 Tage ohne nennenswerte Zwischenfälle. Auch einige dubiosen Gerüchte und Geschichten um das Leben in den Familien und den Schulen konnten den Spaß der ganzen Truppe nicht trüben, genau so wenig wie das Essen der französischen Kantinen, dass sich viele von uns tagtäglich munden lassen mussten. So etwas im Land der Gaumenfreuden, eigentlich unverständlich. Doch ein gemütlicher Restaurantabend der Elferfraktion förderte schlussendlich die wahren kulinarischen Qualitäten Frankreichs auf den Tisch, ein stundenlanger Festschmaus! Doch da das Leben leider nicht nur aus Essen und Reisen besteht, führte uns unser Weg auch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit in die verschiedenen Schulen. Für uns Hobbyphotographen war das erste Haar in der Suppe, dass in den Schulen absolutes Film- und Photoverbot herrscht. Außerdem mussten wir so manche Unterrichtsstunde vor der Türe des Klassenzimmers verbringen, da viele französische Lehrer keine fremden Gäste in ihren Stunden dulden, wohl weil sie sonst noch verwirrter durch die Stunde eiern als sonst schon. Sie sollten sich hier eine Scheibe von unseren deutschen Lehrern abschneiden, die sich über Gäste im Unterricht freuen und diese in den Ablauf einbeziehen und nicht ausschließen. Wo wir uns allerdings eine große Scheibe abschneiden könnten ist der Style der Schülerinnen und Schüler in der Schule und die Akzeptanz der verschiedenen Kleidungsstile. Knappe Röcke, tiefe Ausschnitte, die heißesten Frisuren und Hip-Hop Dancing-Vorstellungen in den Pausen erfreuten das Auge und schienen keinen der Franzosen zu stören. Es gab weder schräge Blicke noch hinter vorgehaltener Hand kleinere Lästereien, die interessante Artenvielfalt gehörte zum Schulleben wie für uns die leider nicht mehr existierende Klingel. Diese entspannte und lässige Atmosphäre der Offenheit, wohl auch durch den relativ hohen Ausländeranteil verursacht, an einer deutschen Schule wäre eine echte Bereicherung unseres Alltages, der doch mehr oder weniger einfarbig und trist ausfällt. Das war dafür bei den Franzosen die Schule, ein alter, hässlicher Funktionsbau. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile.
Rückblickend betrachtet, verbrachten wir alle eine super schöne Zeit zusammen in Frankreich. Herr Fischer und Frau Widman ließen genügend Freiräume und wurden durch eine größtenteils zivilisierte Gruppe belohnt, so dass alle Seiten den Austausch in vollen Zügen genießen konnten. Auch war es schön die tiefe Freundschaft und Offenheit der französischen Familien zu spüren, die dazu führte, dass am 8. Mai neutral und bereichernd über das Ende des zweiten Weltkriegs diskutiert werden konnte, ohne sich als Deutscher beschuldigt oder abgelehnt vorzukommen - eine tolle Erfahrung.
Zu Gast bei Freunden – das Motto der WM traf auch auf unseren Austausch vollkommen zu. Ob es jedoch jemals wieder so schön wird wie dieses Jahr sei dahingestellt …
(c) Lisa Hardt und Tobias Stahl
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Letztes Update ( Dienstag, 25. Juli 2006 )
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